Podiumsdiskussion über

"Bachelor-Master-Diplom:

Ziele und Hoffnungen der Internationalisierung"

 

 

Teilnehmer der Podiumsdiskussion:

Prof. Dr. Volker Claus, Universität Stuttgart

Dr. Kruno Hernaut, Siemens AG München,

Prof. Dr. Klaus Henning, RWTH Aachen,

Prof. Dr. Alfred Holl, FH Nürnberg,

Prof. Dr. Andreas Reuter, International University Bruchsal

 

Vor der Podiumsdiskussion hatte Prof. Dr. Klaus Henning über die Internationalisierung der technisch/naturwissenschaftlichen Hochschulausbildung vorgetragen (siehe seine Vortragsausarbeitung im Tagungsband), und Prof. W. Burhenne hatte die Ergebnisse des Workshops 9 "Internationale Abschlüsse in der Informatik" vorgestellt. Zu Beginn der Podiumsdiskussion wurden daher noch die Herren Hernaut, Holl und Reuter um ein kurzes Statement gebeten.

 

Herr Hernaut betonte, dass aus Sicht der Industrie künftig Bachelor- und Master-Studiengänge erforderlich seien, um die Ausbildung auch international kompatibel zu gestalten. Für die Studierenden geht es um mehr Mobilität zwischen international im Wettbewerb stehenden Hochschulen, und entsprechende Möglichkeiten bestehen für deutsche Studierende im Gegensatz zu Studierenden anderer Länder nur in begrenztem Maße. Bezüglich des Niveaus der Ausbildung an Fachhochschulen steht die Industrie auf dem Standpunkt, dass diejenigen Fachhochschulen, die gewisse Qualitätsanforderungen und -ansprüche erfüllen, auch im postgradualen Bereich Angebote machen sollten, ggf. bis hin zum Doktorgrad. Derzeit gibt es keinen spezifischen Bedarf in der Industrie an solchen Abschlüssen, aber, wenn sie da sind, werden sie auch sinnvoll eingesetzt werden können.

 

Herr Holl betonte als ersten Punkt die Einführungsproblematik von Bachelor- und Master-Studiengängen. Nach kurzfristig vorzunehmenden Anpassungen sollten mittelfristig Credit-Point-Systeme verankert werden, die die Basis für stabile Bachelor-Studiengänge sein können. Langfristig muss man sich auch strukturell der Internationalisierung anpassen (z.B. Abschaffung des 13. Schuljahres usw.). Der zweite Punkt bezieht sich auf die Frage, warum Bachelor-Studiengänge sinnvoll sind. Vor allem aus Gründen der Mobilität: Mobilität bezüglich des Faches, bezüglich der Sprache, bezüglich der Kultur, bezüglich des Wechsels zwischen Nationen, Ausbildungsstätten usw. Der dritte Punkt bezieht sich auf die Master-Studiengänge, die eigentlich nur im internationalen Kontext sinnvoll erscheinen. Sie werden zu wesentlich stärkeren inhaltlichen Differenzierungen von Studiengängen führen. Standardisierte Studienpläne, wie wir sie heute haben, können stärker zugunsten von persönlichen Studienplänen zurückgenommen werden. Der vierte Punkt betrifft die Zusammenarbeit zwischen Fachhochschulen und Universitäten. Hier soll keine Arbeitsteilung stattfinden (z.B. Fachhochschulen bieten den Bachelor, die Universitäten den Master an), sondern es geht um Zusammenarbeit im Interesse der Ausbildung und der Studierenden.

 

Herr Reuter sprach Anerkennungsfragen und inhaltliche Aspekte an. Zum einen muss die Qualität der Ausbildung eindeutig aus dem Abschluss erkennbar sein (Master und Bachelor sind die entsprechenden internationalen Bezeichnungen), zum anderen muss ein Bachelor-Studiengang tatsächlich berufsqualifizierend sein (und kein erweitertes Vordiplom). In den meisten Ländern ist der Bachelor der Standardabschluss; den Master oder gar den PhD machen nur relativ wenige. Auch die Zeitdauer spielt eine untergeordnete Rolle. Man kann mit großer Anstrengung innerhalb eines Jahres einen sehr angesehenen Master-Titel erhalten, kann woanders hierfür aber auch mehrere Jahre benötigen. Es sollten daher unterschiedliche Angebote existieren, die in der Regel ein anderes Finanzierungssystem erfordern. Die Qualität eines Studiengangs wird fachbezogen durch eine Akkreditierung nachgewiesen. Aus internationaler Sicht macht es übrigens auch keinen Sinn, zwischen Universitäten und Fachhochschulen zu trennen. Dies kann man durchaus dem Wettbewerb überlassen.

 

Herr Claus skizzierte anschließend kurz die bisherigen Überlegungen des Fakultätentags Informatik, der ein Credit-Point-System anstrebt und auch in Zukunft von der Gleichwertigkeit der Hochschulabschlüsse ausgeht (gewährleistet durch staatliche Stellen und Berufungsverfahren). Kritisch anzumerken ist, dass ein Credit-Point-System nur in absolut vergleichbaren Hochschulen funktioniert, nicht aber zwischen unterschiedlichen Hochschulen, was in Zukunft der Fall sein wird. Bzgl. der Evaluation der Lehre: In der Informatik haben sich bereits 8 Informatik-Fakultäten in Deutschland einer solchen Beurteilung unterzogen.

In den folgenden 70 Minuten wurden Fragen aus dem Publikum gestellt und von Teilnehmern des Podiums beantwortet. Stichwörter hierzu waren:

 

1. Welche Gremien akkreditieren die Studiengänge?

Hier werden Ausschüsse von Fachgesellschaften angeregt, die mit Vertretern aus Hochschulen und Wirtschaft besetzt sind unter zusätzlicher Beteiligung einiger weiterer Personen; dies sollte studiengangsbezogen erfolgen. Eine Selbstbewertung z.B. durch Fakultätentage wird es wohl nicht geben, aber deren Beteiligung macht selbstverständlich Sinn.

 

2. Was müsste im Umfeld von seiten der Politik geschehen?

Da es im 13. Schuljahr mittlerweile relativ viel Leerlauf geben soll, wird angeregt, den Übergang zum Studium schon nach dem 12. Schuljahr vorzunehmen. Für die Berufsorientierung sollten die Universitäten das Industriepraktikum zu einem Praxissemester ausweiten. Dann kann die Regelstudienzeit von 9 Semestern (ohne dieses Praxissemester) vermutlich eingehalten werden. Dies entspricht auch dem internationalen Durchschnitt: zehn Semester für die konsekutiven Studiengänge Bachelor plus Master. Regelstudienzeiten lassen sich besser einhalten, wenn man die von vielen Studierenden durchgeführte Berufstätigkeit während des Studiums abzieht und Nettostudienzeiten berechnet. Will man das Abschlussalter der Absolventen reduzieren, so muss die Wehrpflicht diskutiert werden. Veränderungen werden sich auch durch Konkurrenzdruck ergeben. So bietet vor den Türen der RWTH Aachen eine Filiale einer englischen Universität einen MBA-Studiengang innerhalb von 13 Monaten für 35.000 DM an; das entsprechende Aufbaustudium an der RWTH Aachen erhält dadurch massive Konkurrenz.

 

3. Verbesserung der Studienbedingungen für Ausländer.

Es sind nicht nur die fachlichen, sondern meist die gesellschaftlichen Probleme, mit denen Ausländer zu kämpfen haben. Fragt man Studierende zu Beginn des Studiums, ob sie wieder nach Hause wollen, werden rund 90 % ja sagen; am Ende des Studiums liegt die Quote nur noch bei 10 %. Wenn Ausländer in Deutschland bleiben, wird ein wesentliches Ziel der Internationalisierung verfehlt. Die Universitäten kümmern sich zu wenig um die Förderung der zukünftigen Führungskräfte in den Entwicklungsländern, diverse ausländische Gruppen isolieren sich an Hochschulorten, und Kontakte zwischen Deutschen und Ausländern werden nicht kräftig genug unterstützt. Genau hier kann ein wesentlicher Vorteil für die privaten Universitäten liegen.

 

4. Evaluation von Studiengängen, Fächern und Hochschulen.

Bisher erfolgt hierbei nur eine Selbstbegutachtung, die von einzelnen Fachleuten kommentiert wird. Ein Verbesserungsprozess findet anschließend kaum statt (meist schon aufgrund von finanziellen Randbedingungen). In den USA wird die Evaluation im Rahmen einer Akkreditierung durchgeführt; im Bereich der Ingenieure macht dies meist das Accreditation Board in Engineering and Technology (ABET), das seit 75 Jahren existiert und unabhängig von staatlichen Stellen ist. In Großbritannien wird dies von den Ingenieursverbänden übernommen, indem sie beispielsweise Prüfungen anbieten, die zu einem professionellen Titel führen. So entsteht mehr Öffentlichkeit und mehr Vergleichbarkeit.

 

Bei uns besteht ein ministeriell kontrolliertes System, das aber verändert werden sollte oder muss, sobald den Hochschulen mehr Autonomie und auch mehr Gestaltungsautonomie in der Ausbildung zugestanden wird. Evaluierung hat übrigens nicht immer Sinn, wenn sie für alle Fächer gleich ist. Man sollte sie für Fächergruppen, z.B. die Ingenieurwissenschaften, vergleichbar machen.

 

Unstrittig ist sicher, dass eine Evaluation, wie sie heute durchgeführt werden, zu vielen Einsichten führt. Mittlerweile hält sich die Begeisterung in Grenzen: Zum einen weiss man nun, wie es geht, zum anderen fehlt es anschließend an den Mitteln zur Umsetzung der Verbesserungsvorschläge.

 

5. Wer sollte die Akkreditierung vorantreiben?

Bei den MBA-Studiengängen sind es Industrieverbände und der IHT. Für die Informatik könnten dies auch die GI oder ITG sein, aber nicht die Fakultätentage. Wer immer es macht, es sollte nicht der öffentliche Bereich sein. Und dies bedeutet: Akkreditierung kostet Geld, vergleichbar den Kosten einer ISO 9000 Zertifizierung. Es muss aber nicht jedes Jahr sein, und man kann auch hin und wieder darauf verzichten. Wichtig ist, dass die Qualität der einzelnen Fächer, der Wert ihrer Abschlüsse und die Attraktivität der Studiengänge dokumentiert werden. Anderenfalls geistern unter Hand Gerüchte durch die Gegend, gegen die man sich nur schwer wehren kann.

 

Methodisch unsauber sind in der Regel die Rankings, die von Managermagazin, Focus, Stern, Spiegel usw. veröffentlicht werden. Hier fehlen auch fast stets die Objektivierung, die Nachvollziehbarkeit und klare Definitionen der Kriterien.

 

6. Sollen Universitäten den Bachelorstudiengang in Informatik einrichten?

Grundsätzlich sollte es jeder Hochschule überlassen bleiben, welche Politik sie hier verfolgt. Wer nur den heutigen Diplomabschluss umetikettiert, nutzt aber die Chancen nicht. Wohldefinierte Schnittstellen in der Ausbildung zu schaffen, ist eine der Stärken von Bachelor und Master. Hier kann man zwischen Studiengängen wechseln, in die Industrie gehen oder andere Wege einschlagen. Und ein weiterer Aspekt neben der erhöhten Mobilität, die den Studierenden zugute kommt, ist die Mobiltät der Dozent(inn)en, die zugleich dazu beiträgt, ausländische Studierende anzulocken.

 

Für den Bachelorstudiengang spricht, dass er recht breit angelegt ist und somit viele Fortsetzungsmöglichkeiten in unterschiedlichen Masterstudiengängen eröffnet. Daher würden Chancen vertan, wenn man nur das Diplom aufrecht erhält, ergänzt um einige Masterstudiengänge. Aber auch die Studierenden erhalten mehr Flexibilität, da sie sich im Bachelorstudium noch relativ spät für andere Schwerpunkte umentscheiden können, was von der Industrie (die oft auf Interdisziplinarität setzt) begrüßt wird und was bisher im deutschen System zu einem (lästigen) Studiengangwechsel führt. Und wenn die Studierenden ins Ausland in einen Masterstudiengang gehen wollen, so besitzen sie mit dem Bachelor einen guten Zugang; denn Vordiplom plus zwei Semester interessiert im Ausland kaum jemanden. Die genannte Flexibilität ist die eigentliche Stärke des angelsächsischen Systems.

 

7. Werden die Bachelors vom Markt rasch akzeptiert?

Die International University hat einen Kreis von Firmen gebildet, der die Absolvent(inn)en einstellen wird und somit deren Qualität unverzüglich unter die Lupe nimmt, um Akzeptanzprobleme oder Ausbildungsdefizite rasch zu thematisieren. Allgemein gilt, dass die Industrie diese Entwicklungen fördert und Arbeitsplätze bereit stellt (vgl. aber die eigenartige Diskussion im öffentlichen Dienst über die Kopplung der Einstufung nach BAT an die Regelstudienzeiten), auch im mittelständischen Bereich.

 

8. Wie kann man sich ein künftiges Studium vorstellen?

Bis zu einem Abschluss die Hochschule nicht wechseln und danach sich frei entscheiden. Zum Beispiel: Bachelor im Inland, Master im Ausland; sofern man überhaupt einen Master dann noch anstrebt. Wer dennoch mitten im Studium wechseln will, für den kann das European Credit Point System (ECTS) eine gute Hilfe sein, aber nur, wenn sich die beiden Hochschulen recht genau abgestimmt haben.

 

9. Kann das jetzige System die Umstellung oder Erweiterung verkraften?

Vorgeschlagen werden "Bausteine" der Vorlesungen, also Module. Diese sollen oder können flexibel eingesetzt und angerechnet werden. Dennoch ist viel Zusatzaufwand erforderlich: Neue Inhalte, neue Ziele, studienbegleitende und intensivere Prüfungen, englische Sprache usw. Auch der Dozent(inn)enaustausch wird kaum funktionieren, wenn man in Deutschland 8 SWS, im Ausland aber nur die Hälfte gewohnt ist zu lesen. Durch Blockveranstaltungen oder andere Mechanismen, vor allem bei der Finanzierung, lässt sich aber wohl etwas erreichen (sofern man nicht der staatlichen Haushaltsordnung unterliegt). Ein weiteres Problem sind die in Deutschland üblichen Frontalveranstaltungen, die evtl. durch Klassensysteme mit 25er Gruppen ersetzt werden müssen. Auch die englische Sprache kann problematisch sein, so dass Dozent(inn)en aus dem Ausland schon aus diesem Grunde sehr willkommen sind. Wo die Deutschen keine Erfahrung haben, ist in der Werbung von Studierenden, beim Auftreten auf Career-Messen oder in ausländischen Hochschulen. Und über die zu erwartenden Gesamtkosten für eine qualitativ hohe Durchführung von Bachelor- und Masterstudiengängen gibt es bisher auch kaum Angaben.