Sie wohnen in Tipis und laufen nackt herum - die neuen,
spirituellen
Hippies beim Stammestreffen in Ungarn
Ich war auf dem Rainbow, und es ging mir gut. Jetzt bin ich wieder
in Berlin, und es geht mir nicht mehr so gut. War mir nie so deutlich
wie jetzt, dass es an meinem Leben hier liegen muß. Niemand läuft
nackt herum. Alles asphaltiert. Man grüßt sich nicht. Man lädt
sich
nicht gegenseitig zum Tee ein. Man kommt gar nicht dazu,
miteinander zu sprechen. Stattdessen hängt überall Werbung. Und
in meiner Wohnung im dritten Stock weiß ich nie so genau, wie das
Wetter unten ist, ich zieh' mir eine kurze Hose an, und unten stell'
ich dann fest, dass das zu wenig ist, weil da weht ein kalter Wind.
Auf dem Rainbow wär' das nicht passiert. Da habe ich unter einerAlle sind richtig nett und so friedfertig
Auf dem Rainbow - das europäische hat dieses Jahr in Ungarn
stattgefunden - machen alle, was sie wollen. Sie sind meistens sehr
shanti zueinander (friedlich), helfen sich gegenseitig, kochen in der
Waldküche für die zwei täglichen food-circles, unterhalten
sich,
versuchen auf den Händen zu laufen. Sie graben shitholes im
Wald, geben Workshops oder machen Workshops mit. Da gab es
Yoga, Reiki, Massage, Shin Tai, Tai Chi, Capuera, Digeridoo,
Sternekucken und vieles andere. Es gab eine Badestelle (eiskalt)
"Kreise" zu verschiedenen Themen, in denen jeweils die/der reden
durfte, die/der den Redestab in der Hand hielt. Abends gab es
Trommelklänge, viele Dutzend kleiner Feuerstellen und ein paar
große, um die getanzt und mit Feuerkeulen jongliert wurde.
Von zwei- bis dreitausend Leuten wurde gesprochen, am Tag der
Sonnenfinsternis waren die Reisportionen im Essenskreis jedenfalls
kläglich. Da müssen richtig viele dagewesen sein. Sie hielten
sich an
den Händen und summten ein mächtiges "Ommm" vor dem Essen.
Werd' ein spiritueller Hippie! Willkommen zu Hause!
Ein paar sind ausgeflippt - "Drogen-Harald" beispielsweise war
plötzlich nur noch am Herumschreien und Um-sich-Schlagen und
wurde seitdem ständig begleitet. Ein Kommentar: "Er konfrontiert
die anderen mit ihren eigenen unterdrückten Schattenseiten."
Eine riesige Lichtung, drumherum Wald und blühende Wiesen,
ertrug geduldig diesen Haufen aus Haut und Haaren. Auch die
Bewohner. Bis auf einen Busfahrer, der keine Hippies mehr
mitnehmen wollte, hat sich die Bevölkerung an das ständige
Lächeln und Grüßen gewöhnt. Zum Nationalfeiertag am
20. August
hat der Bürgermeister die Artisten aus dem Camp eingeladen, an
der Parade durch das Dorf teilzunehmen. Letztes Jahr wurde das
Gathering, das in Rußland nahe St. Petersburg stattfand, brutal von
der Polizei geräumt. Zelte und Trommeln wurden zerstochen und
eine Zugladung russischer Rainbowleute erstmals eingekerkert. In
Ungarn war das Land gepachtet, und der Ärger blieb aus.
Warum bin ich schon zurückgefahren? Wegen ein paar Terminen
und einem Heißhunger auf Kekse? Jetzt weiß ich: Das ist nichts
gegen die Trauer, wieder in der Isolation des modernen Lebens zu
versinken. Dabei gibt es so viele nette Menschen! Auf dem
Rainbow trifft man sich beim Wasserholen, beim Essen, beim
Kochen, beim Kacken. Hier kann man ins Café gehen, und?
Zeitung lesen.
Es gab auch welche, denen ging der ganze Frieden auf die Nerven.
Die fanden das aufgesetzt. Die lamentierten über den stetigen
Verfall der Rainbow-Kultur. In einem Talking-circle erzählte
jemand vom allerersten Rainbow-Gathering, damals, 74 in
Strawberry Lakes, USA. 30.000 Leute! 18 Küchen, die rund um
die Uhr im Einsatz waren! Ein 24-Stunden-Talking-circle im
Zentrum des Geschehens. Jetzt kämen sie mit Konsumhaltung zum
Rainbow, erklärte ein alter Hase. Haben irgendwo davon gehört
und denken, das wäre ein Festival. Dabei sind Elektronik, Alkohol
und Drogen tabu. Autos unerwünscht. Man erreicht den Platz nur
über einen zweistündigen Fußmarsch dorthin. Die, die trotzdem
mit
dem Auto heranfuhren, ernteten Aggressionen. Vorbei mit shanti.
Aber auf lange Sicht ist Friedfertigkeit angenehmer. Gerade im
Urlaub.
Auch im Rundbrief stand, daß das Gathering eine Zeit der Heilung
sein soll. Diese Definition gefällt mir. Auf den Boden kommen. Luft
holen. Den "Regenbogen" nicht aufgeben: Zu Hause angekommen,
lächle ich immer noch jedem zu.
Michael Würfel
Wo das europäische Gathering im nächsten Jahr stattfindet,
wird im Vollmond-Council am 27. August entschieden, nach
dem das Treffen dann auch zu Ende ist. Fest steht schon, daß
im nächsten Jahr im März/April ein Riesentreffen in Australien
stattfinden wird.
taz Nr. 5924 vom 28.8.1999, Seite 15, 160 Zeilen